Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt - Mit 50 ins Mehrgenerationenprojekt

Mit dem Zollstock in der Hand geht Dietmar Kirchhoff durch die Räume, misst eine Ecke nach, überprüft, ob der Schrank wirklich in den Vorratsraum passt. Seine Frau Monika Börgel-Kirchhoff macht für einen Moment Pause vom Umzugsstress. Vom westlichen Balkon ihrer neuen Wohnung genießt sie das Panorama der Paderborner Altstadt – der zweite Balkon auf der östlichen Wohnungsseite bietet einen ungehinderten Blick auf die Egge.

Ein Penthouse in der Innenstadt, zwei Balkone, ruhige, grüne Lage und dazu nicht zu teuer: Keine Frage, die Kirchhoffs haben mit ihrer Wohnung das große Los gezogen. Trotzdem stoßen sie immer wieder auf erstaunte Nachfragen, wenn sie von ihrem Umzug erzählen. Immerhin verkaufen sie ihr Haus mit Garten in Dörenhagen und ziehen dafür in eine Mietwohnung. Der TegelBogen, das neue Wohnquartier des Spar- und Bauvereins Paderborn, wird Anfang Juni ihr neuer Lebensmittelpunkt. Die beiden sind knapp über 50. Warum ziehen sie schon jetzt in ein Mehrgenerationenprojekt, das auch Menschen im Alter gute Bedingungen zum Leben bieten will?

Die Stadt lockt: von Balkon der neuen Wohnung bietet sich ein ungehinderter Blick auf die Innenstadt. 

 

„Das ist für uns genau der richtige Zeitpunkt“, sagt Dietmar Kirchhoff. Das Ehepaar hat diesen Schritt reiflich überlegt.  „Für uns beginnt ein neuer Lebensabschnitt“, mein Monika Börgel-Kirchhoff. Nachdem die vier Söhne aus dem Haus waren, konnten sich die beiden das Leben auf dem Lande nicht mehr richtig vorstellen: die Notwendigkeit, auf zwei Pkw angewiesen zu sein, das große Haus, das gepflegt werden will.

Andererseits die Stadt: Als erstes wird sie wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Einen der beiden Pkw können sie verkaufen. Die meisten Ziele sind ohnehin zu Fuß vom Tegelbogen zu erreichen: die Innenstadt, das Hallen- und das Freibad, die Paderhalle, der Supermarkt. Der Bioladen liegt vor Tür. Sogar Freunde haben die Kirchhoffs schon im TegelBogen. Sie haben sie im Verein „Wohnsinn e.V.“ gefunden, der das Zusammenleben im Wohnquartier fördern will.

Auch dieser Verein trägt das Konzept vom generationenübergreifenden, nachbarschaftsnahen Wohnen, das der Spar- und Bauverein Paderborn im TegelBogen in Realität umsetzt. „Die soziale Einbindung der Mieter wird wichtiger“, sagt Vorstandssprecher Thorsten Mertens, „wir vermieten nicht Wohnungen, sondern das Wohnen.“ Deshalb gehören zum TegelBogen eine Tagespflege und eine Senioren-Wohngemeinschaft in Regie der Caritas. Im Innenhof wird ein Gemeinschaftspavillon entstehen.

Soziale Wohnprojekte wie der TegelBogen kommen an bei der neuen Klientel der 50-jährigen, die wie die Kirchhoffs nach der Kinderphase aus den Vororten zurück in die City ziehen. Auch die Stadt Paderborn wächst auf Kosten der Kommunen im Kreisgebiet. Vor allem die Zahl der Senioren wird zunehmen, heißt es im aktuellen Stadtentwicklungsbericht. Solange die Kinder klein sind und viel Wohnraum notwendig ist, sind die Dörfer beliebt. Doch irgendwann lockt das kulturelle Angebot, der Flair der Stadt.

Dörenhagen ergeht es da nicht anders als den meisten anderen Dörfern. Als der Makler ein Schild mit dem Hinweis „Zu verkaufen“ im Vorgarten der Kirchhoffs anbrachte, kamen die Nachbarn: „Ihr wollt also auch wegziehen?“ Für Dietmar Kirchhoff ist das keine Frage: „„Besser zu früh als zu spät.“